Back to the 90s - Cayin CP6
Retro-Welle?
In den letzten Monaten sind mir auf Instagram und allgemein online immer wieder mobile CD-Player aufgefallen, die diverse Firmen mittlerweile neu anbieten oder vorgestellt haben. Letztlich bestätigt hat sich mein Eindruck auf der High End in Wien dieses Jahr: Dort waren etliche Exemplare von mobilen CD-Playern zu sehenm zumeist aber recht günstige Geräte.
Ganz verwunderlich ist das natürlich nicht, da vor allem unsere Jugend ziemlich stark auf einer Retrowelle reitet, um es mal so zu nennen. Was für die einen pure Nostalgie ist, entdecken die Jüngeren gerade als entschleunigtes, physisches Musikerlebnis völlig neu.
So richtig ernst genommen habe ich das Ganze bisher nicht. Das hat sich jedoch schlagartig geändert, als ich am Stand von Cayin ebenfalls einen mobilen CD-Player – den Cayin CP6 – gesehen habe. Der CP6 ist nicht nur irgendein billiges China-Produkt, sondern ein extrem hochwertiges Gerät, das neben zwei integrierten Premium-DAC-Chips sogar eine echte Röhrensektion enthält. Auch der Preis von 699 USD (ohne Steuern) schliesst hier auf ein eher ambitioniertes Produkt mit ernsthaftem audiophilen Hintergrund.
Vor Kurzem ist die Lieferung von Cayin mit den CP6-Geräten bei uns angekommen, und selbstverständlich musste ich eines dieser Geräte unbedingt selber testen. Beim Auspacken kam sofort Nostalgie auf: Ich erinnere mich noch gut an das Ende der 80er und an die 90er Jahre, in denen ich selber diverse mobile Player besessen habe – vor allem natürlich die legendären Discman-Modelle von Sony. Ich habe diese Geräte damals einfach geliebt.

Wo sind eigentlich meine CDs?
Was mir nach dem Auspacken sofort aufgefallen ist: Dieses Gerät ist deutlich grösser und schwerer als die damaligen Player von Sony, Philips und Co. Der CP6 ist im Wesentlichen aus massivem Aluminium und nicht aus billigem Plastik gebaut. Aber auch die sehr hochwertige und den damaligen Geräten meilenweit überlegene Audiosektion trägt natürlich ihr Übriges zur Grösse und zum Gewicht bei.
Auf jeden Fall konnte ich es kaum erwarten, das Gerät endlich zu testen. Aber halt – wo waren eigentlich meine ganzen CDs? Ich habe über die letzten Jahre zwar immer wieder CDs gekauft, diese dann aber sofort am PC gerippt und auf SSDs bzw. SD-Karten gespeichert. Die physischen Discs sind alle nach und nach in Kisten gewandert und stehen irgendwo im Keller.
Also auf in den Keller und nach den Kisten mit den CDs gesucht! Glücklicherweise wurde ich sehr schnell fündig. Ich fand zwar nicht den Grossteil meiner Sammlung, aber doch einige Exemplare, die einen guten Querschnitt durch meinen Musikgeschmack repräsentieren und gleichzeitig eine sehr hohe Aufnahmequalität bieten – also genau das, wonach ich gesucht habe.

Als Randbemerkung: Am liebsten möchte ich natürlich meine übliche Test-Playlist mit dem Gerät hören, das wäre der Idealfall für einen direkten Vergleich. Da ich diese Tracks aber momentan nur digital vorliegen habe, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das Retro-Erlebnis auf die Spitze zu treiben: Ich habe mir einige CD-Rohlinge bestellt, um genau diese digitalen Tracks auf CD zu brennen. Die Rohlinge – natürlich qualitativ hochwertige Exemplare – sind bereits per Amazon zu mir unterwegs.
Bevor wir uns den "inneren Werten" des CP6 zuwenden, hie ein paar Unboxing-Eindrücke:





Spielpartner
Jetzt stellt sich eigentlich nur noch die Frage: Womit testen? Da das Gerät sowohl einen 3,5-mm- als auch einen symmetrischen 4,4-mm-Ausgang bietet, habe ich mich in einem ersten Schritt für hochwertige In-Ear-Kopfhörer entschieden.
Die von mir ausgewählten Exemplare sind selbstverständlich meine beiden aktuellen Favoriten: der Noble Audio Kronos sowie der Volk Audio Etoile. Das sind zwei absolut grossartige In-Ears und meiner Meinung nach so ziemlich das Beste, was man aktuell auf dem Markt kaufen kann. Ich habe diese beiden Modelle natürlich auch deshalb ausgewählt, weil ich sie in- und auswendig kenne und ganz genau weiss, wie sie klingen können und sollten.

Um ganz ehrlich zu sein, waren meine Erwartungen sagen wir mal... eher moderat. Denn in meiner Erinnerung klangen die CDs auf den damaligen mobilen Geräten und mit den damals verfügbaren Kopfhörern zwar gut, dürften aber meilenweit von dem entfernt sein, was heute möglich ist – vor allem im Vergleich zu modernen Digitalen Audio-Playern (DAPs). Wenn man bedenkt, welche Auflösungen, Taktraten und präzisen Wandlerstufen heutige High-End-DAPs bieten, wirkte die Vorstellung, wieder eine rotierende silberne Scheibe mit 16-Bit und 44.1 kHz einzulegen, fast wie ein technologischer Rückschritt. Entsprechend skeptisch, aber unglaublich neugierig war ich, ob der CP6 mehr als nur ein hübscher Nostalgie-Bonus ist.
Der Moment der Wahrheit
Also nichts wie los und die erste Scheibe eingelegt! Ich habe mich hierbei für das Album Frigga’s Web von Hagalaz’ Runedance entschieden, da ich zum einen die Musik mag und zum anderen die Aufnahmequalität hervorragend ist.
Es war wirklich ein eigenartiges und tatsächlich sehr nostalgisches Gefühl bzw. ein ganz besonderer, nostalgischer Moment: den Deckel zu öffnen, die CD einzulegen und schliesslich auf die grosse, physische Play-Taste zu drücken. Da kamen sofort wieder Erinnerungen an vergangene Zeiten hoch. Dieses haptische Erlebnis, die Musik wirklich in den Händen zu halten und mechanisch zu starten, ist etwas, das uns im heutigen Zeitalter von schnellen Swipes und endlosen Streaming-Playlists komplett verloren gegangen ist. Man nimmt sich plötzlich wieder ganz anders Zeit für die Musik.
Und das, was schliesslich aus den Volk Audio Etoile IEMs herauskam, hat mich dann doch einigermassen stark überrascht. Es wurde mir schnell klar, dass dieser mobile CD-Player nicht nur irgendein billiges Retro-Gerät ist, sondern locker mit DAPs im vergleichbaren Preissegment mithalten kann.
Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass dieser CD-Player einige gleich bepreiste DAPs klanglich übertrifft. Und das ist doch sehr erstaunlich! Schliesslich hat man uns über Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder propagiert, dass reine digitale Daten bzw. gerippte Musik der physischen CD weit überlegen sei – eben weil die CD unvollkommen ist, in einem mechanischen Laufwerk rotiert und permanent Stössen sowie Schwingungen ausgesetzt ist. Cayin beweist hier eindrucksvoll das Gegenteil.

Und wenn wir schon von Stössen und Schwingungen reden: Ich erinnere mich noch gut daran, dass die damaligen Discmans doch recht stark auf Stösse beim Transport reagierten. Da konnte es schnell mal passieren, dass die CD sprang. Das ist hier absolut nicht der Fall. Ich konnte den CP6 selbst mit stärkerem Schütteln absolut nicht aus der Ruhe bringen! Auch in diesem Punkt – also in puncto reines Laufwerk und Buffering – ist dieses Gerät den damaligen Playern meilenweit überlegen.
Eine ungeahnte Entschleunigung
Nachdem ich das Album einmal komplett durchgehört hatte – und ja, ich habe es ohne zu skippen komplett durchgehört, so wie man es eben früher getan hat –, wechselte ich auf die Noble Audio Kronos. Auch mit diesem In-Ear liess ich die ganze Scheibe noch einmal komplett durchlaufen.
Das ist doch irgendwie etwas ganz anderes, als wir es mittlerweile gewohnt sind. Wir besitzen heute zum Teil riesige Musikbibliotheken mit zehntausenden Titeln im Terabyte-Bereich und können nach Belieben mit Apps wie Roon und Co. im Sekundentakt zwischen Alben und Tracks hin und her springen.
Natürlich kann man auch bei einer CD Titel skippen und vor- oder zurückgehen. Aber bewusst oder unbewusst habe ich das hier einfach nicht getan. Stattdessen habe ich dieses gesamte Album zweimal am Stück mit zwei verschiedenen In-Ears angehört, und ich muss sagen: Es war bzw. ist ein wirklich faszinierendes und interessantes Erlebnis.

Hier die Musikalben bzw. CDs, die ich bisher mit dem CP6 getestet habe:
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Hagalaz’ Runedance – Frigga’s Web
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Pacific Rim – Original Motion Picture Soundtrack (Ramin Djawadi)
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Dead Can Dance – Toward the Within
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Harry Potter and the Prisoner of Azkaban – Original Motion Picture Soundtrack (John Williams)
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The World of Hans Zimmer – A Symphonic Celebration
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Indiana Jones – The Soundtrack Collection
Soundcheck
Nachdem ich bereits kurz auf das grundsätzliche Klangpotenzial des CP6 eingegangen bin, möchte ich meine Klangeindrücke hier etwas ausführlicher schildern. Da sich der Volk Audio Étoile und der Noble Audio Kronos grundsätzlich in einigen wichtigen Punkten sehr ähnlich sind, obwohl sie in Details differieren und sich prima ergänzen, werde ich meine Sound- bzw. Klangeindrücke allgemein halten und nicht spezifisch zwischen den beiden In-Ears unterscheiden.
Was ich bisher ganz vergessen habe zu erwähnen: Der CP6 besitzt ja Röhren, die man auf Wunsch optional zuschalten kann! Somit bietet das Gerät zwei völlig unterschiedliche Klangmodi:
Zum einen gibt es den präzisen, hochauflösenden und detaillierten Solid-State-Modus über den internen Transistorverstärker. Zum anderen bietet der CP6 einen smootheren, wärmeren und wunderbar entspannten Röhrensound, der durch die verbauten Miniatur-Vakuumröhren von Raytheon realisiert wird. Diese Flexibilität direkt an einem mobilen Player zu haben, ist für das Feintuning mit verschiedenen In-Ears wirklich grossartig.
Da wir hier schliesslich von einem Cayin-Gerät sprechen und Cayin nun mal der absolute Röhrenspezialist im Hi-Fi-Bereich ist, ist es im Grunde kaum verwunderlich, dass auch im mobilen CP6 echte Röhren zum Einsatz kommen.
Der CP6 zeichnet sich durch ein extrem niedriges Rauschpektrum – oder wie wir Audiophilen gerne sagen: einen wunderbar schwarzen Hintergrund – aus.
Was ausserdem sofort ins Ohr springt, ist die hervorragende Kanal- bzw. Instrumentenseparation. Selbst ein komplexes Orchester wird sehr sauber aufgegliedert; einzelne Instrumente und Stimmen sind problemlos heraushörbar, ohne dass das Ganze jemals an Zusammenhalt verliert. Das Klanggeschehen bleibt stets wie aus einem Guss – also genau das, was ein exzellenter DAP auf Top-Niveau auch tut.
Als Nächstes wollte ich den Dynamikumfang bzw. die Wiedergabe desselben durch den CP6 genauer unter die Lupe nehmen. Hierzu verwendete ich den Track "The Dark Knight" vom Album "The World of Hans Zimmer – A Symphonic Celebration".
Und was soll ich sagen? Sowohl die leisesten, filigranen Passagen als auch die wuchtigen, lauten Ausbrüche werden vom CP6 absolut problemlos und vollkommen verzerrungsfrei wiedergegeben. Es ist eine wahre Freude, wenn auf dem Noble Audio Kronos der Bass bzw. die Bass Drums in den orchestralen Tracks mit voller Wucht und Präzision einschlagen.
Gerade bei Harry Potter and the Prisoner of Azkaban kommt in vielen Tracks eine Triangel zum Einsatz, die vom CP6 unglaublich fein ziseliert aufgelöst wird. Auch sonst lässt das Gerät in puncto Details wirklich keinerlei Wünsche offen – ganz im Gegenteil: Die Höhen haben genau diesen genialen „Sparkle“ und diesen feinen Glanz, den ich mir bei solchen Aufnahmen wünsche. Und wenn dann im nächsten Moment wieder dieser abgrundtiefe Bass bei den Orchester-Strikes einsetzt – WOW!
Ja, ich habe jetzt gerade beim Schreiben dieser Zeilen eine Gänsehaut - und zwar am ganzen Körper! 😵😱😍
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!
Die Gänsehaut wird noch deutlich stärker, als ich die CD Dead Can Dance – Toward the Within einlege. Ist das überhaupt möglich? Kann das wirklich sein? Wie bitte kann dieses Teil so klingen?!
Frei nach dem Motto: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, starre ich fassungslos auf dieses Stück Retro-Technik. Und der CP6 scheint mir hämisch grinsend zuzurufen: „Warte mal ab, Kollege – ich spiele mich erst noch warm!“
Lisa Gerrards und Brendan Perrys Stimmen auf Dead Can Dance – Toward the Within stehen so realistisch im Raum und werden so eindringlich und mit einer solchen Verve präsentiert, dass ich regelrecht ins Schwitzen komme. Ich fühle mich direkt in das 1994 live aufgenommene Konzert hineinversetzt – mit all den intensiven Emotionen, die sonst nur ein echtes Live-Konzert in einem hervorrufen kann. Hierzu trägt auch die unfassbare Räumlichkeit bzw. Dreidimensionalität bei, die gerade bei diesem Album mit dem Noble Audio Kronos und dem Volk Audio Étoile erst so richtig zum Tragen kommt.
Ich glaube, ich brauche eine Verschnaufpause, denn mein Puls ist mittlerweile merklich angestiegen.
(Vorab-) Fazit
Ich habe weiter oben im Text vom Klang eines vergleichbar teuren DAPs gesprochen – und ich muss mich hier korrigieren: Wenn es die Aufnahme bzw. die CD hergibt, wird der CP6 bei einigen Leuten für absolut ungläubiges Kopfschütteln sorgen. Machen wir uns nichts vor: Das hier konkurrenziert nicht mit der Mittelklasse, das konkurrenziert direkt mit echten Flagship-DAPs!
Der CP6 ist mitnichten nur ein weiteres Stück Retro-Technik für die Gen-Z. Das hier ist ein absolut ernstzunehmendes Stück Audio-Equipment, das mir eindrucksvoll zeigt, was heutzutage klanglich möglich ist – auch und gerade mit einem physischen Medium wie der CD.
Ich bin beileibe kein Nostalgiker, sondern im Gegenteil immer auf der Suche nach den neuesten Technologien. Die CD hatte ich schon lange abgeschrieben und ich habe sie auch nicht vermisst. Das ändert sich jetzt mit dem CP6 schlagartig. Ich suche bereits fieberhaft in meinem Gehirn nach dem Platz bzw. den restlichen Kartons im Keller, wo meine gesamten CDs gelagert sein könnten – hoffentlich hat sie nicht schon jemand entsorgt! 😱

Geht noch mehr?
Natürlich werde ich den CP6 auch noch mit anderen CDs bzw. Musikalben testen und im nächsten Schritt auch grosse Kopfhörer an ihn anschliessen. Da der CP6 neben den normalen Kopfhörerausgängen auf der Rückseite auch noch zwei Line- bzw. Pre-Out-Ausgänge (ebenfalls in 3,5 mm und 4,4 mm) sowie einen Digitalausgang bietet, kann man ihn quasi als reinen CD-Transport nutzen – also unter Umgehung der internen Audiosektion, DACs und Röhren.
Genau das reizt mich: Ich möchte das Gerät an diverse grosse, stationäre Kopfhörerverstärker anschliessen, um zu schauen, was dieses Laufwerk als reine Quelle taugt. Als Erstes schwebt mir hier der neue Lotoo Gungnir vor. Dieser sollte hervorragend für einen ersten Test geeignet sein und das maximale Potenzial des CP6 als Zuspieler deutlich aufzeigen.